Kunstgeschichte

Lehrveranstaltungen Sommersemester 2019

DR. DES. CONSTANZE FRITZSCH

Seminar

Retro-Utopia. Die Zukunft liegt in der Vergangenheit

Montags, 11:00 - 15:00 Uhr, 14-täglich
Beginn: 08.04.2019
Güntzstraße 34, Raum 215 und im Kupferstichkabinett

Dieses Seminar möchte einen Tigersprung der Geschichte wagen, wie es Walter Benjamin bezeichnet hat: einen Sprung aus der Gegenwart in die Vergangenheit, um dort das Aktuelle aufzuspüren, was bis in die Zukunft reichen könnte.

Aus der Aussage Isabell Loreys: „Die Jetztzeit ist eine Konstellation zwischen dem Jetzt und dem Vergangenen, in der die Konstruktion von Geschichte offensichtlich wird.“ soll die These abgeleitet werden, dass die Gegenwart ein Zustand im ewigen Werden ist, der sich vor allem aus unserem Geschichtsverständnis und dem Umgang mit Geschichte herleitet und von großer Relevanz für die Gestaltung unserer Zukunft ist. Wenn Geschichte und vergangene Ereignisse unsere Gegenwart formen und eine besondere Bedeutung für die Gegenwart entfalten, aber im Umkehrschluss Geschichte immer eine Konstruktion der Gegenwart ist, wie konstruieren wir gegenwärtig unser Bild der DDR und inwiefern bestimmt dieses unser aktuelles Dasein? Sind wir in unserem aktuellen Dasein von dieser noch geprägt?

Das Seminar lädt ein, ein neues Geschichtsverständnis hin zu einer Aktualisierung des Vergangenen zu entwickeln, das für uns erneut Gestalt annehmen könnte. Es geht nicht um eine Rückwärtsgewandtheit, Nostalgie oder gar um eine Fortführung des Gewesenen, sondern um ein kritisches Befragen der Vergangenheit. Dieses Seminar möchte daher anhand von Grafik und Zeichnung der DDR aus der Sammlung des Kupferstich-Kabinetts dieses Anliegen auf utopische Momente sowohl im Sozialistischen Realismus als auch in den Gegenbildern von Künstlern wie Carlfriedrich Claus, A.R. Penck oder Hermann Glöckner zuspitzen. Welche Bedeutsamkeit bergen diese utopischen Momente für die aktuelle Situation in Dresden und wie weit sind wir von diesem Denken noch geprägt? Die Möglichkeit einer Intervention in der Ausstellung „Die Erfindung der Zukunft“ im Japanischen Palais wird noch eruiert.

In der Kunstteleologie des Sozialistischen Realismus lassen sich utopische Momente herauskristallisieren, welche die Ideen der Moderne, Kunst und Leben zu vereinen bzw. ineinander zu überführen, aufgreifen. Der Kunst wurde eine gesellschaftsrelevante Funktion eingeschrieben. Sie wurde zum maßgeblichen Instrument für den Aufbau der sozialistischen Gesellschaft und zur Konstituierung des sozialistischen Menschen. Aber nicht nur dieser Aspekt eines utopischen Moments im Sozialistischen Realismus wird im Seminar behandelt, sondern auch die Idee, gesellschaftliche Utopien in und mit der Kunst zur Darstellung zu bringen, bzw. die Narration von Visionen in der Kunst. Vor allem die grundlegenden Konzepte der Kollektivierung, Egalisierung und der ‚Technokratisierung‘ sollen im Fokus der Analyse stehen. Dieser Form utopischen Denkens entgegensetzt, entwarfen Künstler, wie die oben bereits erwähnten, utopische Gegenbilder zum dogmatischen Marxismus-Leninismus, die zum Teil mittels einer Neulektüre von Marx andere an einem selbstbestimmten, selbstreflektierten Menschen ausgerichtete Gesellschaftsmodelle entwickelten. Im Zentrum des Interesses wird bei diesen utopischen Modellen vor allem die vom Individuum ausgehende Auslotung von Freiräumen und das Anliegen „nicht so sehr regiert zu werden“ stehen. Darüber hinaus wird der Frage nachgegangen, inwiefern diese utopischen Formen in der Tradition der Agit Prop aber auch der revolutionären russischen Avantgarde der 1920er Jahre agieren.

Teilnehmerzahl begrenzt auf 15.

Anmeldung bitte über Frau Hering hering©hfbk-dresden.de

Es wird ein Vorgespräch geben, dessen Termin noch bekannt gegeben wird.

Module: Fakultät I, 4 & 8 (Bildende Kunst); Fakultät II, 11 (Bühne); T2 & T3 (FHS); M8A/B & M13 (Restaurierung)

 

Literaturhinweise:

Boris Buden: Zone des Übergangs. Vom Ende des Postkommunismus, Suhrkamp, Frankfurt/Main, 2009.

Boris Groys: Gesamtkunstwerk Stalin. Die gespaltene Kultur in der Sowjetunion, Hanser, München, 1988/1996.

Ernst Bloch: Das Prinzip Hoffnung. In 5 Teilen, In: Bloch, Ernst: Werkausgabe, Suhrkamp, Frankfurt/Main, 1985, Band 5.

Alf Lüdtke: Eigen-Sinn. Fabrikalltag, Arbeitererfahrungen und Politik vom Kaiserreich bis in den Faschismus, Ergebnisse, Hamburg, 1993.

Annette Gilbert: Bewegung im Stillstand. Erkundungen des Skripturalen bei Carlfriedrich Claus, Elizaveta Mnatsakanjan, Valeri Scherstjanoi und Cy Twombly, Aisthesis, Bielefeld, 2007.

Walter Benjamin: Über den Begriff der Geschichte, In: Walter Benjamin: Gesammelte Schriften, Suhrkamp, Frankfurt/Main, 1974. 

Erhard John: Probleme der marxistisch-leninistischen Ästhetik. Kunst und Wirklichkeit, Max Niemeyer Verlag, Halle, 1976, Band 1.