Laudatio zum Diplompreis 2013

Das erste Handy kam vor ungefähr 25 Jahren auf den Markt. Es kostete damals 3995 US-Dollar. Es war schwer und unhandlich. Man konnte damit nur telefonieren und dann musste man es auch noch in einem Koffer herumtragen. Damals hatten nur einige Erwachsene solch ein Handy. Das ist heute unvorstellbar. Wir haben uns längst daran gewöhnt - an einen erschreckenden Zustand. Wir sind alle ständig erreichbar. Per Telefon, per Mail, per Skype, per Facebook, per Whats apps. 

Der schnelle Kommunikations- und Informationsaustausch unter Freunden ist für die Generation der hier anwesenden Kunststudenten selbstverständlich. Kein Medium ist unter ihnen so verbreitet wie Handy und Smartphone. Die meisten Studierenden verfügen über ein eigenes Mobiltelefon und nutzen Multimediahandys nicht nur zum Telefonieren und zum Versenden von SMS, sondern auch zum Abspielen von Musik, zum Surfen im Internet und fürs Fotografieren oder Filmen. 

Vielleicht ist das Votum der Jury deshalb auf eine Arbeit gefallen, die von einer experimentellen Neugierde und einer subtilen künstlerischen Auseinandersetzung mit dem Smartphone gekennzeichnet ist. Sie zeigt einen Touchcreen, einen Berührungsbildschirm. Tippen, ziehen, fallen lassen. Oder wisch und weg und weiter. Jeder von uns kennt diese typischen Fingerbewegungen. Mit jeder Bewegung aber, mit jeder Berührung hinterlassen wir Spuren, kleine, große, riesengroße. Manchmal lösen wir damit sogar einen Shitstorm aus. 

Der diesjährige Preisträger des Diplompreises des Freundeskreises der Hochschule für Bildende Künste Dresden spielt genau damit, mit unseren Spuren. Er foppt unsere Wahrnehmung. Wir sehen ganz deutlich eine malerische Position, alles weist darauf hin: Der frische Pinselstrich, dieser feine Grau in Grau-Ton, der Rahmen. Nur es ist kein Gemälde, es ist ein Foto. Ein hundertfünfzigfach vergrößertes Bild eines Touchscreens. Diese Fotografien von Fingerspuren auf Smartphone-Displays lassen sich als abstrakte Position deuten, sie sind aber auch aufregend poesievoll. So schafft der diesjährige Preisträger aus dem Kommunikationsmittel Handy ein neues, altes Kommunikationsmittel, nämlich Kunst. 

Über Kunst lässt sich trefflich streiten. Die Jury hat es sich nicht leicht gemacht. Bis zum Schluss wurde um fünf Studierende gestritten und jeder von ihnen hätte es verdient, den Preis in diesem Jahr zu erhalten. Den Preis erhält eine Schüler von Eberhard Bosslet, für Jonas Lewek. Er überzeugte die Jury zu guter Letzt einstimmig, auch, weil er sich auf eine Idee beschränkt hat und sie klar und klug bis zum Ende durchdacht und umgesetzt hat. 

Wir haben uns für Jonas Lewek entschieden, weil er mit uns spielt, weil er uns auf falsche Fährten lockt. Dem 28-Jährigen ist noch etwas gelungen: Er hat seine konzeptionelle Arbeit mit einer starken Sinnlichkeit ausgestattet. Das übrigens ist für Jonas Lewek nichts Neues. Wer seine Arbeiten die letzten Jahre beobachtet hat, hat genau das gesehen. Kluge Ideen, poetisch, perfekt und dennoch sinnlich umgesetzt. Davon möchte man auch in Zukunft mehr sehen. Gern auch per Skype oder auf Youtube.