Laudatio zum Diplompreis 2014 - verliehen an Ha Nuk Jung

Jeder kennt das: Es gibt Namen, die ergeben sofort Bilder. Man sieht sofort eine Geschichte vor sich. Kain und Abel zum Beispiel sind solche Namen. Oder Jakob und Esau oder Romulus und Remus. Zwei streitende Brüder, die sich hassen oder im Streit liegen und von denen der eine den anderen gar tötet - die Literatur erzählt häufig von derlei Familienzwisten.

Die Geschichte der Bundesrepublik Deutschland birgt auch solch eine Geschichte eines großen Familienstreits. Nach dem Krieg wurde das Land zum Spielball der Großmächte. 1949 gründeten sich zwei deutsche Staaten, im Mai die Bundesrepublik Deutschland, im Oktober die Deutsche Demokratische Republik. Mit dem Mauerbau 1961wurde die Trennung dann endgültig fest zementiert. Familien wurden auseinander gerissen, Mütter von Kindern, Väter von Eltern, Brüder von Schwestern. Die Menschen in Ost und West richteten sich in ihr neues Leben ein, sie haben einander aber nie vergessen. Und sie hofften, dass der Spuk endlich vorbei geht. Sie hofften vierzig Jahre lang, dann fiel die Mauer ein, dann gab es nur noch die Bundesrepublik Deutschland. Der Osten und der Westen aber hat die Menschen doch mehr geprägt, als ihnen anfangs klar war. Die Einheit vollzog sich zwar auf dem Papier, in den Köpfen und in den Herzen der Menschen ist der Prozess aber noch längst nicht abgeschlossen.

Auch tausende Kilometer weiter weg wurde ein Land zum Spielball der Großmächte. Ein Jahr vor der Gründung der zwei deutschen Staaten gründeten sich in Ostasien, in einer einstigen Provinz des Japanischen Kaiserreichs zwei andere verfeindete Staaten. Getrennt werden diese durch die 248 Kilometer lange und vier Kilometer breite Demilitarisierte Zone. Bis heute sind Städte, Dörfer zerteilt, leben Familien voneinander getrennt, Mütter von Kindern, Väter von Eltern, Brüder von Schwestern. Nach wie vor herrscht zwischen beiden Ländern kalter Krieg. Die Rede ist von Süd- und Nordkorea. Erste Gespräche der Annäherung finden statt, selbst ausgewählte Familien haben sich

inzwischen kurz treffen können. Eine denkbare Wiedervereinigung jedoch scheint in weite Ferne gerückt.

Warum die lange Vorrede? Der diesjährige Preisträger des Diplompreises des Freundeskreises der Hochschule für Bildende Künste Dresden ist in Südkorea geboren und aufgewachsen. Er lebt seit 2008 in Deutschland. Und er hat eine interessante Erfahrung gemacht, wie er selbst sagt. Er habe bemerkt, dass sein Denken und Handeln von seiner jeweiligen Lebenssituation begrenzt und beeinflusst ist, ja, sogar davon bestimmt wird. Für seine Diplomarbeit hatte er deshalb die Idee, diese spezielle Situation nicht aus der Perspektive von Erwachsenen, sondern aus der der Kinder zu betrachten. Diese Kinder leben in Deutschland, sind aber oft bei ihren Verwandten in Korea. Sie haben ihre Impressionen gezeichnet, von Berlin und von Seoul - an dem einen Ort leben sie, aus dem anderen stammen ihre Eltern. Diesen unverstellten, ungefilterten Blick der Kinder kann man sehen - auf den klugen politisch motivierten Arbeiten des diesjährigen Preisträgers.

Die Jury hat es sich nicht leicht gemacht. Es gibt auf dieser Diplomausstellung viele starke, fast schon museumsreife Positionen zu sehen - zeichnerische und bildhauerische. Zum Schluss machten vier Studierende das Rennen. Jeder von ihnen hätte es verdient, den Preis in diesem Jahr zu erhalten. Die Jury hat sich letztendlich für eine malerische Position entschieden, für die eines Schülers von Rebecca Michaelis: für den Koreaner Ha Nuk Jung. Er überzeugte die Jury zu guter Letzt einstimmig, auch, weil es ihm gelungen ist, uns Fragen mitzugeben, seine sperrigen, schrägen Bilder fallen einem sofort ins Auge, man hakt sich richtig an ihnen fest.

Wir haben uns für Ha Nuk Jung entschieden, weil sich seine Bilder nicht sofort erschließen, weil sie sich einer schnellen Auslegung widersetzen. Unsere üblichen Erwartungshaltungen werden in Frage gestellt, es ist eben nicht alles so, wie wir es immer wissen und wissen wollen. Ausschlag für den jungen Künstler hat noch etwas gegeben:

Eigentlich gehen wir alle davon aus, dass ein koreanischer Künstler ein Könner ist, perfekt in der Technik, im Aufbau, in der Komposition. Man sieht das förmlich den Arbeiten an. ja, sehr Koreastyle eben. Die Arbeiten von Ha Nuk Jung haben uns verblüfft, sie lassen weder einen koreanischen, noch einen europäischen Einschlag erkennen. Sie sind manchmal alles andere als schön, dazu kommt mit dickem Farbauftrag die schwarzen Flächen, die zerstörend wirken. Die Arbeiten von Ha Nuk Jung haben eine sehr eigene, charakteristische Sprache. Das zeichnet sie aus, deshalb erhält er heute den Diplompreis des Freundeskreises der Hochschule für Bildende Künste Dresden.