Laudatio zum Diplompreis 2015 - verliehen an Benjamin Stölzel

Wuchern, auswuchern, überwuchern, zuwuchern - oder anders ausgedrückt: Wuchern, wie neue Triebe bilden, sich stark ausbreiten, sich wild vermehren oder zügellos wachsen. So wie der Wohlstandsmüll, den wir mit unserer Wegwerfmentalität verursachen. Dieses Wuchern könnte einem einfallen, stößt man das erste Mal auf die Arbeiten des diesjährigen Preisträgers. Man könnte auch sagen, was soll diese Materialschlacht?

Wenn man sich näher damit beschäftigt, dann sieht man alles andere als Trash. Dann erkennt man sehr schnell die Arbeitsweise des jungen Künstlers, dieses überwiegend additive Verfahren, dessen er sich bedient - Additiv beim Aufbau, bei den Formen, beim Gießen, Verschränken, Glätten und Polieren, dieses Hinzufügen, Aneinander reihen, dieses Beimischen. Dann stellt man sehr wohl fest, dass unser diesjähriger Gewinner sehr genau mit dem Material umgeht. Man könnte meinen, man habe ein triviales Fundstück vor Augen. Man könnte. Es ist kein Fundstück, es wurde extra für die Arbeit angefertigt, aufwendig gegossen, gehämmert, geklebt, vernietet, verklumpt.

Das Jurymitglied Tilman Hornig bringt es auf dem Punkt: Der Gewinner des diesjährigen Diplompreises soll das Preisgeld mal gleich wieder einsetzen - um neues Material zu kaufen. Ölfarben, Pappe, Papier, Spachtelmasse, Lacke, Klebstoffe, Wachs und Gips, von den unterschiedlichen Kunststoffen, Textilien, Metallen ganz zu schweigen. Tilman Hornig sagt das auch, weil er neugierig ist, auf die nächsten Arbeiten des Künstlers. Weil er wissen will, was der Diplomand sich als Nächstes vornimmt, welches Material, welches Projekt, welche Vision.

Für die Diplomarbeit jedenfalls hat sich unser Preisträger dem Prinzip des Wucherns und Wachsens verschrieben, dem autonomen Prinzip der Natur. Dem kommt er mit einer abstrakten Position bei, mit zeittypischen Materialien. Seine Arbeiten wirken sehr konzentriert und dennoch offen. Sie bieten ein hohes Assoziationspotential. Sie könnten eine Skulptur sein, sind es jedoch nicht zwangsläufig.

Sie ahnen es längst, der diesjährige Preisträger brilliert mit dreidimensionalen Arbeiten. Gleichwohl es auf dieser Diplomausstellung viele starke Video-Positionen gibt, fiel die Entscheidung für den Preis einstimmig. Nämlich für einen Schüler von Martin Honert - für den gebürtigen Bayreuther Benjamin Stölzel. Er überzeugte die Jury zu guter Letzt einstimmig, auch, weil er ein reflektierender Künstler ist, weil er seine Arbeiten gründlich durchdenkt, von vielen Seiten beleuchtet. Benjamin Stölzel plant sehr genau. Er überlässt nichts dem Zufall. Er stellt Bezüge her, bedient sich aus einer selbst angelegten Fotosammlung. Die Zusammensetzung der Materialien geschient nicht unwillkürlich, sondern sehr bewusst. Farbigkeit und Zusammensetzung sind ihm nicht einerlei. Er riskiert das Spiel mit dem Material, auch weil es unterschiedliche Verfallzeiten hat.

Und so geschieht es dann, dass Fragmente industrieller Fertigung, Wracks unserer heutigen Zeit auf florale Gebilde und amorphe Gestalten treffen. Dieser bewusst konstruierte und sensibel inszenierte Material- und Geschichtenmix spiegelt die Welt wieder, in der wir leben und kommt gleichzeitig zeitlos klassisch daher. Vielleicht war es genau das, warum Benjamin Stölzel in diesem Jahr schon zum 22. Bundeswettbewerb in die Bundeskunsthalle in Bonn eingeladen wurde.

Aufgefallen jedenfalls ist Benjamin Stölzel Beobachtern spätestens bei der Jahresausstellung in der „Pfote“ vor einem Jahr. Mit einer fantasievollen Augentäuschung, wie wir sie auch hier im Oktagon sehen können. Fadengewirr lag auf dem Fußboden - wie selbstverständlich.
Nur darauf treten sollte man lieber nicht. Das Geschnösel war aus Wachs, ganz wie der Titel es schon andeutete: „drag and drop, plug and play, copy and paste, ex und hopp.“ Dieses Fadengewirr wirkte täuschend echt. Schon mit dieser kleinen, wirklich witzigen Arbeit hat Benjamin Stölzel es bewiesen: Dieses Verwirren, dieses Spiel mit unserer Wahrnehmung, das ist es, was er auf überzeugende Weise beweist - auch mit seinem Diplom.

Die Arbeiten von Benjamin Stölzel sind sehr fantasievoll und eigenständig. Das zeichnet sie aus, deshalb erhält er heute den Diplompreis des Freundeskreises der Hochschule für Bildende Künste Dresden.