Laudatio zum Diplompreis 2016 - verliehen an Jacob Friedländer

Jede einzelne Erfahrung, die wir machen, alles, aber auch alles, was wir lernen, wird im Gehirn mit dem entsprechenden Gefühl verknüpft, das wir in dieser Situation empfinden. Je intensiver dieses Gefühl ist, umso deutlicher bleibt es in unserem Gedächtnis verankert. Je wütender wir sind, je ausgelassener wir sind, um so stärker bleibt dieses Gefühl in uns und wird so Teil unserer Lebenserfahrung.
 
Wenn wir uns freuen, strahlen unsere Augen, bewegen wir uns, zappeln wir fast vor Aufregung. Je intensiver die Gefühlsregung ist, umso deutlicher reagieren wir. Wir können lächeln oder lachen. Wir können sogar so lachen, dass uns die Tränen kommen. Wir weinen vor Freude, aus Rührung oder weil wir traurig sind. Und natürlich können wir an diesen körperlichen Reaktionen auch erkennen, wie es anderen Menschen geht. Wir können sie nur anhand ihrer Körpersprache verstehen - ganz ohne Worte.
 
Dieses Zusammenspiel zwischen unseren Gedanken, Emotionen und unserem Körper ist untrennbar miteinander verbunden. Wissenschaftler sprechen von den somatischen Markern. Angst, Scham oder Stress lässt uns häufig zusammenkauern.    
Freude und Jubel macht, dass wir hoch bis an die Decke springen, Wut und Ekel verzerren unsere Gesichtszüge.
 
Der Künstler oder die Künstlerin, dem oder der heute Abend diese Rede gilt, spielt wissentlich oder unwissentlich genau mit diesen somatischen Markern. Er oder sie ist sehr offensichtlich ein großes Kind, ein ganz großes Kind. Die Freude am wilden Spiel scheint ungebrochen, dieses Tohuwabohu an Gefühlen ist unübersehbar: Hass, Ekel, Freude, Glück, Scham, Angst - all das ist in der Arbeit unserer Preisträgerin, unseres Preisträgers zu lesen. Und dieses Kindliche, dieses Naive, dieses Überbordende, dieses Obsessive!
 
Wie anders ist dieser wilde Ritt durchs Kinderzimmer zu verstehen? Ein Materialmix, der sich gewaschen hat. Keramik, Kunststoff, Bronze, Acryl, Aluminium - von jedem etwas. Und wenn ich schon die Materialien verrate, kann ich auch sagen, der Diplompreis des Freundeskreises der Hochschule für Bildende Künste Dresden geht nicht an einen Studenten der Malklassen der Akademie, sondern an einen aus einer Bildhauerklasse.
 
Dieser Student überzeugt mit seiner verspielten, wilden und gleichzeitigen mutigen Diplomarbeit die Jury. Susanne Greinke, Kuratorin der Kunstakademie, Dr. Björn Egging vom Kupferstichkabinett, Staatliche Kunstsammlungen Dresden, Stefan Heinemann Vorstandsmitglied unseres Freundeskreis sowie der Künstler Stephan Ruderisch entschieden sich für ihn, weil es ihm gelungen ist, sie als Betrachter zu irritieren und mit seinem Werk zu unterschiedlichen Lesarten anzustecken. Deshalb geht der diesjährige Diplompreis an einen Absolventen der Klasse von Professor Wilhelm Mundt, nämlich an Jacob Friedländer.
 
Der gebürtige Berliner, Jahrgang 1989, begeistert die Jury mit seiner sehr besonderen, fast kruden Mischung aus kindlicher und kriegerischer Welt, mit seinem Feldzug durchs Kinderzimmer, mit seinem Wimmelbild. Jacob Friedländer verwendet in seiner Installation unterschiedlichste Materialien, doch er überlässt nichts davon dem Zufall. Bronze zum Beispiel setzt er für kriegerische Elemente wie Schwert und Helm ein. Keramik verwendet er für Fahrzeuge, Kunststoff für Figuren. Man steht vor diesem Wirrwarr an Einzelteilen, ist erst tatsächlich verwirrt, verstört, und verirrt sich in Details, die da wären Staubsauger, Autos, Gebisse, Helme, Schwerter, Lüftungsrohre uvm. Man steht davor und möchte all dies genau fixieren und entschlüsseln und verzweifelt. Fast. Jacob Friedländer bietet einen Fokus an -   durch die zwei großen gegenüberstehenden Fotos. Und auf einmal ist alles ganz klar, dieser obsessive Ritt durchs Kinderzimmer ist alles andere als das. Er vermischt diese verschiedenen Welten und diese Spielzeugwelt ist auf einmal sehr real. So real wie auch diese Würste sind, diese pardon „Kackwürste“, diese Salamiewürste, diese ICE-Würste.
 
Wer Jacob Friedländer schon eine Weile beobachtet hat, erinnert sich an diese Würste. Er erinnert sich auch daran, dass Jacob Friedländer schon immer gesagt hat, dass diese Würste so herrlich wandlungsfähig seien, dass sie ihn genau deshalb und wirklich nur deshalb begeistern würden, dass sie einfach mehr sind als nur Würste. Diese Begeisterung hat sich auf die Jury übertragen.
 
Deshalb ist sie zu einem einstimmigen Urteil gekommen: Die Arbeiten von Jacob Friedländer sind, wenn man sie im Kontext der diesjährigen Diplomarbeiten betrachtet, sehr des Merkens würdig und einzigartig. Das zeichnet sie aus, deshalb erhält er heute den Diplompreis des Freundeskreises der Hochschule für Bildende Künste Dresden.