Laudatio zum Diplompreis 2017 - verliehen an Euiyoung Hwang

Die Jury hatte es diesmal sehr leicht, aber auch sehr schwer, die diesjährige Preisträgerin oder den diesjährigen Preisträger zu finden. Schon nach der ersten Runde war klar, die Entscheidung wird zwischen vier Studenten gefällt. Eine jede Position, die nicht unterschiedlicher sein kann. Umso heftiger dann die Diskussion. Wer überzeugt die Jury am meisten, wer liefert das schlüssigste Werk? Wir haben es uns nicht leicht gemacht.
Alle vier jungen Künstler regten uns mit ihrer Diplomarbeit an, auf, forderten uns heraus. Allein schon dafür war der gestrige Nachmittag für alle Jurymitglieder ein Gewinn. Ich will versuchen, die Entscheidung für die diesjährige Diplompreisträgerin oder den diesjährigen Diplompreisträger zu begründen.

Die Arbeit unserer Preisträgerin oder unseres Preisträgers erzielt einen bemerkenswerten Effekt: Sie zwingt uns Betrachter, sich mit ihr auseinanderzusetzen. Der erste Eindruck ist schon sehr befremdlich, was haben all diese Dinge mit uns zu tun? Mit uns Alltagsmenschen? Unser Hirn ist auf Routine geeicht. Nur das, was wir hier als Diplomarbeit sehen, scheint alles andere als Routine. Wie also lässt sich der erste Eindruck in unsere eigene Erfahrungswelt einordnen?

Pablo Picasso gibt uns für die Arbeiten unseres Preisträgers den richtigen Satz mit: "Jeder möchte die Kunst verstehen. Warum versucht man nicht, die Lieder eines Vogels zu verstehen? Warum liebt man die Nacht, die Blumen, alles um uns herum, ohne es durchaus verstehen zu wollen? Aber wenn es um ein Bild geht, denken die Leute, sie müssen es 'verstehen'."

Sie müssen die raumgreifende und wandfüllende Installation unserer diesjährigen Preisträgerin oder unseres diesjährigen Preisträgers nicht
verstehen. Nicht sofort jedenfalls. Sie dürfen sich dafür ruhig Zeit lassen. Sie brauchen die Zeit sowieso. Auch die Jury hat sich viele Fragen dazu gestellt, stellt sich immer noch Fragen. Was die Jury dennoch deutlich wahrgenommen hat: Hier hat sich ein junger Mensch ein ganz eigenes Reich erschaffen, ein sehr dichtes, klares Werk.

Der diesjährige Diplompreis des Freundeskreises der Hochschule für Bildende Künste Dresden geht an einen Studenten von Professor Wilhelm Mundt. Bei ihm studierte er - nachdem er vorher bei Gregor Schneider in Berlin war- die letzten fünf Jahre. Die Rede ist von dem 1986 in Soul geborenen Euiyoung Hwang.

Euiyoung Hwang ist ein manischer Datensammler, ein geradezu erschreckend perfekter Welterschaffer. Die Jury verleiht ihm den Preis, weil er sie mit dieser seiner Welt überzeugt hat. Die Diplomarbeit ist hochkomplex, sie zeichnet sich nicht nur durch eine eigenständige, präzise formulierte Symbolsprache aus, sondern auch durch hohe handwerkliche Umsetzung.

Die Arbeit von Euiyoung Hwang lässt sich lesen als ein Selbstporträt, ja als ein Tagebuch, als der Schlüssel zu seinem Ich. Euiyoung Hwang öffnet sich schonungslos für uns Betrachter. Diese Offenheit ist erschreckend und faszinierend zugleich. Von dieser Bildwelt geht eine soghafte Wirkung aus, eine eigentümliche Wirkung. Es gibt keine Bildvollständigkeiten, keine feste, in sich ruhende Wirklichkeit, es gibt nur eine verwirrende Unterordnung, Unterwerfung des Objektiven. Zufällige Details werden zu aussagekräftigen Zeichen - als Chiffren des Labyrinthischen und als Chiffren der Verwandlung, der Verwandlung des Ichs.

Euiyoung Hwang setzt sich seit Beginn des Kunststudiums intensiv damit auseinander. Die Verwandlung des Ichs ist von Anfang an sein Thema. „Wie kann ich MICH „ICH“ nennen, was sind die Voraussetzungen für die Ich-Bildung, wie entsteht die Beziehung zwischen Individuen und sind solche
Axiome überhaupt begründbar? Diesen Fragen stellt sich dieser junge Künstler jeden Tag.
Er ist - wie sein Professor sagt - einer der ersten im Atelier und einer, der letzten, der es verlässt. Er sucht nach der optimalen Denkmethode, die als begriffliche und bildhafte Logik zur Analyse des fraglich erscheinenden Sachverhalts und des unerklärlichen Selbstverhaltens dienen kann.
Diese optimale Denkmethode scheint Euiyoung Hwang gefunden zu haben, seine geradezu manisch erschaffene Ordnungswelt hier zu sehen in der Alten Bibliothek legt Zeugnis davon ab.

Euiyoung Hwang hat beeindruckende Bilder gefunden für unsere Urängste, ist dafür abgetaucht in eine Gespensterwelt, in die Kultur seiner Heimat und in die seines Studienlandes. Was für eine Metamorphose!
 Ein Wesen ist mit seinem eigenen Körper unzufrieden und beschließt sich zu verwandeln, in ein anderes Wesen, in eine andere Identität. Das aber ist nicht ohne Weiteres möglich, jedenfalls nicht ohne Zugeständnisse - an den Zufall, die Norm, die Abnorm.
Schauen Sie sich die Kakerlaken an, die Videoarbeiten, die Zeichnungen, die Datenflut - die Welt verkehrt sich, die Kakerlaken werden riesig, der Mensch, das Ich wird klein, eine gespenstige Welt, fast kafkaesk.

Euiyoung Hwang ordnet sich seiner Gedankenwelt komplett unter, er sucht selbst noch nach Erklärungen, nach Ausdrucksmöglichkeiten dafür. Diese Selbstunterordnung aber faszinierte und berührte uns Jury. Wir haben die Komplexität seiner ganz eigenen Datensammlung gesehen, diese enorme Bandbreite der Auseinandersetzung damit - von Installation, Zahlen, Zeichen- Symbolen, Skulptur und Film, das alles überzeugte uns letztendlich. Auch dass wir nicht auf jede Frage an Euiyoung Hwang eine Antwort erhalten haben. So bleiben wir neugierig. Auf das, was noch kommt.
Meine Damen und Herren, gratulieren Sie mit mir gemeinsam diesen außergewöhnlichen jungen Künstler!