„berufen“

Hans-Peter Adamski, Peter Bömmels, Eberhard Bosslet, Monika Brandmeier, Lutz Dammbeck, Ulrike Grossarth, Martin Honert, Elke Hopfe, Detlef Reinemer, Ralf Kerbach, Wilhelm Mundt, Christian Sery, Carl Emanuel Wolff.

Unter dem Titel  „berufen“ –  präsentiert die Hochschule für Bildende Künste Dresden eine Ausstellung der aktuell lehrenden Künstlerprofessorenschaft der HfBK Dresden, eines hochkarätigen, spannend kontrovers ausgerichteten Kollegiums. Die bewusst dialogisch konzipierte Präsentation trägt dieser Vielfalt Rechnung. 

So treffen im zentralen Hauptraum, dem Oktogon, Hans-Peter Adamski, Sery C. und Carl Emanuel Wolff aufeinander. Adamski, ehemals Mitglied der neuwilden neo-expressiven Mühlheimer Freiheit,  zeigt mittelformatige Malereien, die in den letzten beiden Jahren entstanden sind. Er thematisiert darin die unser tägliches Leben bestimmenden Formen der Konsequenzlogik mit solchen meditativ bestimmter Intuition und überführt dabei geometrisch definierte Raumsituationen in die undefinierbare Unendlichkeit offener, kosmischer Räume. Sery C. (Christian Sery) be- und ermalt Tektoniken der Architektur in mehreren Schichten mittels eingefärbtem, flüssigen Industriegummi. Zu elastischer Form, gleichsam Haut verfestigt, zieht er der Architektur dann buchstäblich die Haut ab, stellt diese anschließend als neu formierte Rauminstallation zur Schau und transformiert sie durch diesen Akt prostituierender Zerstörung in eine neue künstlerisch-zweckfreie Seinsform. Carl Emanuel Wolff verbindet in seinen Tierdarstellungen ähnlich Franz Marc das kreatürliche, unmittelbar instinkthafte In-der-Welt-Sein mit menschlichen Sozialisationsformen und Verhaltensweisen. Die überraschende und entfremdende Wahl seiner Materialien sowie die ungewohnte Kombinatorik und Szenerie seiner Installationen charakterisieren ein plastisches Werk, das lyrisch und monumental zugleich Formen der Bergung und deren Verlust thematisiert.
Im Pentagon Süd und seiner angrenzenden Loggia sind Arbeiten von Monika Brandmeier, Ralf Kerbach, Wilhelm Mundt und Martin Honert zu sehen. Drei unterschiedliche Formen des Wirklichen prallen hier aufeinander. Ralf Kerbachs Malerei, die expressive Ausdrucksformen mit realistischem Darstellungswillen verbindet und damit Tendenzen der sogennanten Dresdner Schule weiterentwickelt. Der minimalistisch lyrische Konzeptualismus der Bildhauerin Monika Brandmeier, die unterschiedlichste Materialien in abstrakten Raumdefinitionen ausbalanciert und gleichzeitig zu gemeinsamer Raumgestik zusammenführt bzw. in dieser harmonisiert. Schließlich der bildhauerische Einzelgänger Wilhelm Mundt, der den Müll und die materialisierten Werte unseres Lebens zu überdimensionierten, ovalen „trash stones“ verdichtet, deren Inneres wir nur erahnen können. In ihrer Hermetik wahren sie die unantastbare Intimität des jeweils individuellen Lebensentwurfs und markieren die Gegenposition zum mehr und mehr Wirklichkeit werdenden gläsernen Menschen. 
Ein ähnlicher Einzelgänger in der zeitgenössischen deutschen Bildhauerei ist Martin Honert, der in immer neuen Anläufen die Erfahrungen seiner Kindheit ins Erwachsen-Sein aktualisiert. Er thematisiert dabei den Wert wie auch den Verlust bzw. den Versuch der Wiedergewinnung unmittelbarer Empfindung, kindlicher Naivität und, damit verbunden, der großartigen schöpferischen Imagination des Märchenhaften, aber auch der dazu gehörenden Empfindsam- und  Verletzlichkeit.
Im Pentagon Ost dialogisiert Eberhard Bosslets Material- und Wikungs-Ästhetik, seine aus meist gebrauchten Materialien neue Verbindungen eingehende und zu neuer Identität führende plastische Materialsynthetik mit Peter Bömmels gemalten Aphorismen. Bömmels ist der malende Zeichner absurder symbolträchtiger Realitäten, die gleichwohl die erlebte Realität interpretatorisch auf den Punkt bringen. Sein Hauptthema ist der Geschlechterkampf oder, neutraler ausgedrückt, das Verhältnis zwischen Mann und Frau im Spannungsfeld zwischen Religiosität, Ritus, blanker Lust und Sadismus. Eine vollkommen gegensätzliche zeichnerische Position markiert die, ebenfalls in diesem Raum gezeigte, Porträtkunst Elke Hopfes. Ihre Arbeiten stellen die Vollendung und gleichzeitige Überwindung der Dresdner Kettner-Schule dar. Hopfes Porträts sind emotional verantwortete Gesichtslandschaften aus dem Ursprung unmittelbarer Empfindung, ihre endgültige Erscheinung Ergebnis eines langwierigen und grüblerischen, ebenso hochsensibel-schwerblütigen wie manchmal temperamentvoll-gewalttätigen Arbeitsprozesses.
Im abschließenden Raum der Ausstellung werden drei Künstler gezeigt, die in sehr unterschiedlicher Weise Erfahrungsräume sichtbar machen. In Ulrike Grossarths „Salles des Pères“ findet eine subtile Auseinandersetzung mit den künstlerischen Vätern statt, insbesondere mit Marcel Broodthaers. Die Käthe-Kollwitz-Preisträgerin dieses Jahres tut dies als „Cross-over“ Künstlerin. In der Jurybegründung zur Preisverleihung heißt es treffend: „Ihre Kunst kommt aus der Bewegung, aus Nähe und Ferne der Dinge und sie setzt die Räume und Zwischenräume, in denen wir die unterschiedlichen Gewichtungen von Entfernungen gewahren. Sie hat ihre eigene Bewegung als Tänzerin auf die Objekte übertragen, schafft und setzt sie zu Choreographien im Raum und verleiht den Gegenständen und Projektionen eine je eigene, im Aufscheinen der unterschiedlichen Konstellationen im Raum verwandelte Zeitlichkeit.“ Ihr Gegenüber ist Lutz Dammbeck, der durch seine leidenschaftlichen Lotungen jüngster Zeitgeschichte, die nicht selten auch Selbstlotungen sind, bekanntgeworden ist. Die Idee zu seinem hier gezeigten Malbuch entstand 1986 nach einer Aufführung der Mediencollage „REALFilm“ im Leipziger „Haus der Volkskunst“. Die Realisierung wurde durch die Ausreise des Künstlers und seiner Lebensgefährtin Karin Plessing Ende 1986 von Leipzig nach Hamburg unterbrochen. Das Material geriet in Vergessenheit. Seine Wiederentdeckung erfolgte im Jahr 2007, als Lutz Dammbeck für eine Doppel-DVD mit seinen frühen Filmen und Medienarbeiten für das Filmmuseum in München die Archivalien neu sichtete. Das führte zum Entschluß, das 1986 begonnene Buchprojekt nach nunmehr über 20 Jahren fertigzustellen und zu veröffentlichen. Zwischen den Werken von Dammbeck und Grossarth befindet sich eine Arbeit des Bildhauers Detlef Reinemer, der auch gleichzeitig in der Brühlschen Galerie seine Abschiedsausstellung bestreitet. Sein Werk gleicht einer existentialistischen Temperamentenlehre, voller Unversöhnlichkeit gegenüber dem Schicksal der Sterblichen. In einer Mischung aus expressiv vorgetragenem prometheischen Trotzgestus und schonungslos konstatierendem Realismus sieht er dem Tod ins Auge. Am bekanntesten sind von ihm vielleicht seine meist aus keramischem Material geformten Kopftorsi.

20 Jahre nach der Wende steht nicht mehr die Konfrontation unterschiedlicher politischer und künstlerischer Sozialisationsbedingungen in Ost und West, sondern die Frage nach den Seinsformen gegenwärtiger Welterfassung im Vordergrund. (Rainer Beck)

Hochschule für Bildende Künste Dresden

Oktogon der HFBK,
Georg-Treu-Platz 1
01067 Dresden
Tel. 0351-49267807
Fax – 4952023 

Di – So 11 – 18 Uhr,
Eintritt 2,50 Euro, erm. 1,30 Euro 

Im Rahmenprogramm: Diskussionsrunde mit dem Kurator Prof. Dr. Rainer Beck, Dr. Eduard Beaucamp, Ingeborg Ruthe und den ausstellenden Künstlern.

Termin: 16.11. um 19 Uhr

  • Berufen1
  • Kerbach Brandmeier
  • Mundt  Hopfe
  • Reinemer Grossarth