Erneut bot die Ausstellung zum Marion Ermer Preis einen faszinierenden Einblick in die zeitgenössische künstlerische Produktion.

Loretta Fahrenholz präsentierte mit der Videoarbeit Que Bárbara (2011) einen reflektierten Blick auf die Inszenierungen von Kunst. Sie beobachtete die Vorbereitungen für eine New Yorker Ausstellung, folgte der Künstlerin bei ihren letzten Besorgungen und inszenierte reflexive Gespräche um Alltägliches und um die Entwicklung künstlerischer Prozesse. Wie schon in früheren Arbeiten untersuchte sie die Produktionsbedingungen von Kunst und die Voraussetzungen ihrer Rezeption. Darüber hinaus zeigte sie die Fotoserie Europa (1996/2011), die ebenfalls die Themen Rollenspiel und Inszenierung behandelt.

In seiner 4-Kanal-Videoinstallation Nebahats Schwestern untersucht Emanuel Mathias das Verhältnis zwischen der zeitgenössischen Realität und der historischen Fiktion. Er lässt drei Istanbuler Taxifahrerinnen Schlüsselszenen aus dem bekannten türkischen Film Şoför Nebahat von 1960 nachspielen. Nach 50 Jahren ist die Nebahat des Films – mit ihrer Lederjacke, der ins Gesicht gezogenen Schiebermütze und der gespielten Härte – immer noch Referenz und Identifikationsfigur dieser Frauen. Interviews mit den Protagonistinnen über ihr Rollenbild und ihre fiktive Vorgängerin ergänzen die Arbeit.

Jens Schuberts Linolschnittunikate sind Sammelsurien von Motiven unterschiedlichster Herkunft. Es finden sich geometrische Formen und Muster, stilisierte Augen von Pfauenfedern, bemalte Ostereier, Wolkenbilder, Masken, organische Ranken, ein Labyrinth, die Krone und die Fackel der New Yorker Freiheitsstatue – vieles erkennt man aber vieles entzieht sich auch jeder Zuordnung. Es geht um die Darstellung, die Kombination und die Akkumulation von Abbildern – und immer auch um Bildwissen und Assoziation.

Auch Claudia Schötz ging es um das Sichtbarmachen künstlerischer Prozesse, wenn sie mit I gave you a house but you didn’t haunt it (2011) die Herstellung eines Werks als Performance in dieser Ausstellung inszenierte. Arbeiter realisierten an vorbestimmten Tagen während der Öffnungszeiten einen monumentalen Kubus (3 x 3 x 3 m) aus Holz. Das Besondere an dieser produktiven Performance war, dass sie ohne Geräusch entstand: Kein Wort wurde gewechselt, alle Werkzeuge waren schallgedämmt, die Bewegungen bedachtsam.

Zur Ausstellung erschienen vier Künstlerbücher der Preisträger im Berliner Verlag The Green Box, die ab sofort einzeln und im Schuber im Buchhandel erhältlich sind sowie vier hochwertige Künstlereditionen.

Die Marion Ermer Stiftung zur Förderung von Kunst und Kultur verlieht den Preis nunmehr zum elften Mal und griff dazu auf die bewährte Kooperation mit der Hochschule für Bildende Künste Dresden zurück. Mit diesem Preis leistet die Stiftung einen konstruktiven Beitrag zur Förderung junger Künstlerinnen und Künstler in den neuen Ländern und deren künstlerischer Aus- und Weiterbildung. Marion Ermer selbst wurde 1993 für dieses Engagement mit einer Maecenas-Ehrung gewürdigt.

Der Marion Ermer Preis richtet sich an Künstlerinnen und Künstler aus den Bereichen Malerei, Grafik, Bildhauerei und andere bildnerische Medien. Die Bewerber dürfen nicht älter als 35 Jahre sein und müssen ihren Erst- oder Zweitwohnsitz in den neuen Bundesländern (außer Berlin) haben und einen Studienabschluss an einer staatlichen Kunsthochschule oder einer vergleichbaren Einrichtung in Ostdeutschland (außer Berlin) vorweisen. Bewerben konnten sich weiterhin im Diplom befindliche Studierende oder Meisterschüler an einer dortigen staatlichen Kunsthochschule.

Die Hochschule für Bildende Künste Dresden war nach 2001, 2003, 2005, 2007 und 2009 bereits zum sechsten Mal Kooperationspartner des Marion Ermer Preises. 2002 kooperierte die Marion Ermer Stiftung mit der Hochschule für Grafik und Buchkunst in Leipzig. Die Bauhausuniversität Weimar war 2004, 2006, 2008 und 2010 Partnerin bei der Auslobung.

Preisträgerausstellung des Marion Ermer Preises 2011

Hochschule für Bildende Künste Dresden
Oktogon
Georg- Treu-Platz
01067 Dresden