Die Konservierung und Restaurierung von Ausstattungsstücken aus der Kirche zu Groß Mohrdorf

Projektleitung:
Prof. Dr. Ulrich Schießl (ϯ), Prof. Dr. Andreas Schulze, Dipl.-Rest. Stephanie Exner, Dipl.-Rest. Tino Simon

Fachliche Begleitung:
Dipl.-Rest. Elke Kuhnert (Landesamt für Kultur und Denkmalpflege Mecklenburg-Vorpommern), Dipl.-Ing. Gerd Meyerhoff (Ev.-Luth. Kirche in Norddeutschland, Dezernat Bau)

Auftraggeber:
Ev. Kirchgemeinde Groß Mohrdorf

Ausführung:
Mandy Lenk, Isabel Frühauf, Ulrike Schauerte, Maria Zielke, Annette Heiser, Angela Mitschke, Anne-Kathrin Fischer, Caroline Pult, Florian Albrecht

 

Groß Mohrdorf liegt abseits großer Fernverkehrsstraßen nordwestlich der Hansestadt Stralsund. Die Küste des Barther Boddens und der Strelasund sind nur wenige Kilometer entfernt. Die gotische Backsteinkirche birgt im Inneren eine reiche barocke Innenausstattung. Neben dem Altar und der Kanzel von Johann Wendt (1700/1702) zählen dazu auch Taufengel und Beichtstuhl.

 

Der Taufengel wurde vom Stralsunder Bildschnitzer Elias Keßler um 1724 geschaffen. Bis in die 1920er Jahre war er in Verwendung und Teil der Taufliturgie. Mit einer speziellen Konstruktion auf dem Dachboden ließ sich der Engel heben und senken. 1945 stürzte die fast lebensgroße Skulptur zu Boden und zerbrach, die verbliebenen Reste wurden in einem Nebenraum eingelagert.
Erst 2009 konnte seine Rettung im Rahmen der Diplomarbeit von Mandy Lenk in Angriff genommen werden. Die jahrzehntelange ungünstige Lagerung hatte der Holzsubstanz und der farbigen Bemalung extrem zugesetzt. Die Reinigung und Konservierung dieser stand zunächst im Vordergrund. Kurz nach Beginn der Arbeiten musste ein aktiver Befall durch den weichen Buntkäfer und den gemeinen Nagekäfer festgestellt werden. Eine Begasung der Skulptur war unumgänglich und konnte dankenswerterweise im Landesamt für Denkmalpflege Sachsen erfolgen. Durch die Diplomandin waren alle erforderlichen Maßnahmen zu konzipieren. Aufgrund des schlechten Erhaltungszustandes und der Größe der Skulptur ließen sich im Zeitraum des Diploms jedoch nicht alle Arbeitsschritte umsetzen.
Seit 2011 arbeiten nun Studierende der Fachklasse an diesem Objekt. Weiterführend erfolgte eine Festigung des Holzes, das Ausspänen geöffneter Fugen, die Wiederbefestigung abgebrochener Fingerspitzen sowie Stäbchenergänzungen zur Vorbereitung der bildhauerischen Ergänzungen fehlender Teile. Letztere wurde mit Vertretern der Kirchgemeinde und der Denkmalpflege diskutiert. Aufgrund einer guten fotografischen Dokumentation des Vorzustandes konnten die Ergänzungen (beide Unterschenkel, der rechte Flügel, beide Oberarme sowie mehrere Fingerspitzen, Locken und Gewandfalten) durch den Holzbildhauer Stephan Thürmer ausgeführt werden.
Nach Rückkehr der Skulptur in die Ateliers waren die Ergänzungen farblich anzupassen und leicht zu patinieren. Derzeit wird die Retusche auf der Vorderseite des Taufengels ausgeführt. Mitte des Jahres 2015 soll er wieder seinen angestammten Platz im Chorraum einnehmen.

 

Der Rokoko-Beichtstuhl ist ein besonderes Ausstattungsstück der Dorfkirche. 1763 fertigte ihn der Bildhauer Jacob Freese. Im darauffolgenden Jahr übernahm Friedrich Christian Stutze die farbige Gestaltung, die sich bis heute nahezu unverändert erhalten hat. Das Gehäuse ist geprägt von blau-grünen Marmorierungen und zarten Rocailleschnitzereien. Den oberen Abschluß bilden zahlreiche Skulpturen, Putti und Vasen auf grazilen, zerbrechlich wirkenden Konsolen, die vollflächig vergoldet sind. Der Beichtstuhl befand sich ursprünglich an der rechten Chorwand. wurde jedoch nach 1945 in eine Ecke neben die Turmwand versetzt.
2009 war der Zustand der Aufsatzfiguren so besorgniserregend, dass die Skulpturen durch Frau Dipl.-Rest. Jenny Louise Heymel demontiert, temporär gesichert und in die Ateliers der Fachklasse verbracht werden mussten. Neben den umfangreichen Schmutzauflagerungen, gelockerten Teilen der Werkblöcke und geöffneten Leimfugen war die fast vollflächig gelockerte Fassung eine besondere Herausforderung. Durch den Schwund des Holzes hatte sich diese dachförmig abgelöst oder stand als kompakte Schicht bis zu einem Zentimeter vom Untergrund ab. Durch die Studierenden erfolgte bisher eine Konservierung aller Figuren, die Neuverleimung von geöffneten Leimfugen und kleinere stabilisierende Holzergänzungen. Teilweise war eine Festigung des Bildträgers notwendig. Im Wintersemester 2014/15 soll das weiterführende Konzept zu Kittung und Retusche erarbeitet und entsprechend umgesetzt werden.

 

Tino Simon, 07.2014

Außenansicht der Dorfkirche Groß Mohrdorf (Foto: T. Simon)
Impression auf dem Kirchhof (Foto: T. Simon)
Innenansicht der Dorfkirche nach Osten (Foto: T. Simon)
Fundsituation des Taufengels 2009 (Foto: J. Heymel)
Taufengel, Zustand vor 1945 (Foto: Bildarchiv Landesamt für Kultur und Denkmalpflege Mecklenburg-Vorpommern)
Taufengel, Zustand 2012 mit Holzergänzungen (Foto: S. Thürmer)
Taufengel, Vorzustand, Detail Brust und linker Arm mit deutlichen Schmutzauflagen (Foto: M. Lenk)
Taufengel, Detail Taufschale und linker Arm (Foto: U. Schauerte)
Taufengel, Studierende bei der Holzfestigung (Foto: I. Frühauf)
Beichtstuhl, Zustand 2009 vor Demontage der Aufsatzfiguren (Foto: J. Heymel)
Beichtstuhl, Putti 2009 vor der Demontage (Foto: J. Heymel)
Beichtstuhl, Skulptur der Tugend, Vorzustand (Foto: K. Riße)
Beichtstuhl, Skulptur der Tugend, Zustand nach der Konservierung (Foto: F. Albrecht)
Beichtstuhl, Skulptur der Tugend, Vorzustand mit Fassungslockerungen (Foto: A. Fischer)
Beichtstuhl, Putti, Studierender während der Arbeiten im Atelier (Foto: T. Simon)
Beichtstuhl, Putti, während der Verleimung (Foto: C. Pult)