Theresienstadt

 Von Steinen, die erzählen können - Spuren eines Ghettos

Oktober 2014, Semesterstart, alles ist wie immer: Die kommenden Fachklassenprojekte werden besprochen und an die Studierenden vergeben, Organisatorisches geklärt. Neben Projekten im sächsischen Gebiet lautet für zwei Studentinnen das Ziel: Theresienstadt, Tschechische Republik. Einst Garnisonsstadt, später Zwangsghetto sowie Sammel- und Durchgangslager nach Auschwitz für unzählige Menschen während des zweiten Weltkrieges.

Neben bedrückenden Gefühlen, an einem solchen Ort zu arbeiten, schwang auch jede Menge Neugier mit. Was war zu erwarten? Wie sieht es dort aus? Sind die Spuren der Ghettozeit noch greifbar?

Terezín, zu Deutsch Theresienstadt, wurde im 18. Jahrhundert als Festungsstadt im Nordosten Tschechiens nahe Ústí nad Labem gebaut. Das gesamte Stadtgebiet wurde durch einen im Bastionärsprinzip errichteten Wall geschützt. Die Wallanlage setzt sich aus Bastionen, vorgelagerten Ravelins und einem flutbaren Grabensystem zusammen und ist heute noch weitestgehend erhalten.

Während des zweiten Weltkrieges erfolgte eine Umnutzung der Stadt durch die deutsche Besatzung zum Ghetto für jüdische Gefangene. In dieser Zeit gab es sogenannte Ghettowachen. Diese wurden aus dem Kreis der jüdischen Selbstverwaltung gebildet, unterlagen jedoch weiterhin den deutschen Besatzern. Die Wachen hatten unter anderem die Aufgabe, sich an Ein- und Ausgängen entlang der Wallanlage zu positionieren und diese zu kontrollieren. Einer dieser Posten war die Poterne 3, ein gedeckter Gang durch den Wall im nordwestlichen Teil der Festungsanlage. Dieser wurde in den Jahren nach Kriegsende zugeschüttet und die Eingänge vermauert. Während Umbau- und Freilegungsmaßnahmen im Jahr 2005 kamen an den Sandsteinquadern des Westzugangs dieser Poterne Ritzungen zu Tage, deren Urheber aller Wahrscheinlichkeit nach die dort positionierten Ghettowachen waren. Unzählige Buchstaben und Zahlen, ganze Namenszüge und Stadtnamen, jüdische Symbole für Glaube und Hoffnung sowie verschiedene Wappen bis hin zu karikierten Gesichtern reihen sich dort aneinander. Bei manchen Ziffern handelt es sich eindeutig um Jahreszahlen wie 1942, 1943 oder 1944. Andere erweisen sich jedoch auch als Transportnummern, denen durch noch vorhandene Listen Namen zugeordnet werden können.

Die Aufgabe der Studierenden bestand in der Bestands- und Zustandserfassung der Wände und insbesondere der Ritzungen in den Sandsteinquadern. Dabei galt es zum einen, den Bestand und die Schäden der Steine aufzunehmen. Zum anderen sollten die Ritzungen in einer Kartierung genauestens erfasst werden. So wurde eine Grundlage geschaffen, die eine Einschätzung des weiteren Zerfallsprozesses dieser wertvollen Spuren erlaubt. Denn, die Sandsteinquader am westlichen Eingangsbereich und damit auch die Ritzungen sind Sonne, Wind, Regen und Schnee größtenteils schutzlos ausgesetzt.

Neben der Hochschule für Bildende Künste Dresden war auch die Universität Pardubice, Fakultät für Restaurierung in Litomyšl, an dem Projekt beteiligt. Ein Student des Studiengangs Konservierung und Restaurierung von Stein konnte durch das Wissen in seiner Spezialisierungsrichtung unsere Untersuchungsergebnisse ergänzen und vervollständigen. Zusätzlich war er eine große Hilfe bei der Übersetzung der Fragen zur Geschichte der Stadt, zu den erfolgten Umbaumaßnahmen der Festungswälle und zu den allgemeinen Umgebungsbedingungen der Poterne 3. Rede und Antwort stand uns dabei stets Herr Smutný, ein sehr engagiertes Mitglied des Fördervereins Militärhistorischer Verein – Festung Terezín. So war die Baustellensprache ein Mix aus Deutsch, Englisch und Tschechisch sowie international anerkannten Hand- und Fußzeichen.

Terezín und besonders die Poterne 3 waren für uns Studierende eine ganz besondere Erfahrung. Die anfänglich bedrückenden Gefühle und die Unsicherheiten hinsichtlich der zu erwartenden Situation vor Ort sind im Laufe des Projektes gänzlich verschwunden. Jener Teil der Geschichte, der die Stadt Terezín als Zwangsghetto bekannt werden ließ, ist mancherorts noch spürbar und gerade anhand der Sandsteinritzungen in der Poterne 3 gerade zu greifbar. Verschiedene Einrichtungen, so beispielsweise das Ghettomuseum, die Magdeburger Kaserne oder auch die Gedenkstätte Theresienstadt in der Kleinen Festung, helfen den Menschen, dieses dunkle Kapitel der Stadt zu begreifen. Nichtsdestotrotz ist Terezín eine freundliche Stadt mit beeindruckender barocker Festungsarchitektur, die gewillt ist, den Ort für Einwohner attraktiv zu gestalten und Touristen anzuziehen. Der vermeintlich harte Charakter der Festungswälle wird durch das Grün der Wiesen und die zum Teil wild bewachsenen Wälle gebrochen. Die ehemaligen Festungsgräben sind nun Lebensraum für Nutrias und Biber, Vögel finden dort geeignete Nistplätze.

Terezín ist heute ein Ort, der seine Vergangenheit überwunden, jedoch nicht vergessen hat.

Caroline Leier, Prof. Dr. Thomas Danzl

http://ghettospuren.de/

Besonderer Dank gilt     Uta Fischer, Projektleitung

                                      Militärhistorischer Verein – Festung Terezín

                                      Kulturstiftung des Bundes

                                      Stiftung Erinnerung - Verantwortung – Zukunft

                                      Deutsch-Tschechischer Zukunftsfonds

  

 

  • Karikierte Darstellung von Köpfen
  • Ritzung im Sandstein eines siebenarmigen Leuchters
  • Das deutsch-tschechische Dreamteam vor dem Westzugang der Poterne 3
  • Die Festungsanlage als Lebensraum für Nutrias
  • Ausblick von der Grabenschere zum Ravelin
  • Gemütlichkeit muss sein- auch am Arbeitsplatz