Aktuelle Forschungsprojekte-Prof. Dr. Constanze Peres

1. Alexander Gottlieb Baumgarten

Aesthetica
Ästhetik

Lateinisch-Deutsch

Hrsg. v. Constanze Peres. Übersetzt, mit Anmerkungen, einführenden Essays, erläuternden Baumgartentexten, einer Bibliographie und einem zweisprachigen Register versehen von Constanze Peres und Peter Witzmann

2010, ca. 1600 Seiten
Ca. €    89,00    / sfr.
ISBN

Die zweisprachige Ausgabe legt rund zweihundertfünfzig Jahre nach ihrer Entstehung eine vollständige Übersetzung der ersten philosophischen Ästhetik.  Einführende Essays und ausführliche Anmerkungen stellen das Werk in seinen philosophischen Kontext und erläutern Aufbau und Terminologie. Die für Baumgartens Ästhetik relevanten Texte aus seiner Metaphysik, Ethik, Logik, Philosophia generalis und Sciagraphia sind im Anhang übersetzt. Der vollständige Abdruck der deutschen Vorlesungsmitschrift macht Baumgartens Ästhetik-Vorlesungen zugänglich. Ein kommentierter lateinischer und deutscher Sach- und Personenindex erschließt den Text lexikalisch und verweist auf Vergleichsstellen und deutsche Originalbegriffe in den Schriften Baumgartens und seines philosophischen Umfelds.  

Die ‚Morgenröte der Erkenntnis' ist für Alexander Gottlieb Baumgarten das Sinnbild einer Dimension menschlichen Wissens, die er als erster Philosoph der Geschichte  in das Zentrum theoretischer Überlegungen rückt: die sinnliche Erkenntnis. 1750/ 58 erscheint mit seiner berühmten ‚Aesthetica' die Initialschrift der  philosophischen Ästhetik. Sie entfaltet, vermittelt durch die deutschen Schriften seines Schülers Georg Friedrich Meier, eine epochale Wirkung in der Geschichte der Philosophie, aber auch der Künste, der Poetik, Rhetorik und der Kunsttheorien.
Baumgarten definiert die neue philosophische Disziplin als „Wissenschaft der sinnlichen Erkenntnis" und verortet sie systematisch neben der Logik als der Wissenschaft der „oberen Erkenntnisvermögen". Die sinnliche Erkenntnis ist aber nicht nur ‚Morgendämmerung' auf dem Erkenntnisweg zum ‚hellen Mittagslicht' der Vernunft. Vielmehr hat sie als ‚Morgenröte' eine eigene, spezifisch  ästhetische, Dimension: die Schönheit. Die Schönheit der Phänomene gründet in der Fülle des Seins, die sich in voller Konsequenz in individuellen Seienden verwirklicht. In dieser Hinsicht ist die Ästhetik eine ‚Metaphysik des Schönen'. Die unübersehbare Merkmalfülle des Individuellen bleibt der rationalen Analyse verwehrt, erschließt sich aber in ganzheitlicher Weise der sinnlichen Erkenntnis. Der ästhetische Zugang komplementiert somit die theoretische Erkenntnis der Wirklichkeit auf unhintergehbare Weise und macht deshalb die Ästhetik als ‚Logik des Individuellen' notwendig. Sinnliche Erkenntnis zielt auf eine eigene „ästhetische Wahrheit", die sich in ganzheitlichen Gestalten wie z. B. Kunstwerken artikuliert. Insofern ist die Ästhetik auch eine, an der antiken Poetik und Rhetorik orientierte, philosophische ‚Theorie der Kunst'.
Die von einer Philosophin und einem Latinisten interdisziplinär erarbeitete Übersetzung der Aesthetica und der sie ergänzenden philosophischen Texte strebt gute Lesbarkeit bei größtmöglicher Textnähe an. Damit soll dem lateinkundigen Leser auch das Verständnis der Originalschrift erleichtert werden.  Das Aesthetica-Lexikon erläutert einerseits die Namen, die relevanten Begriffe und ihre Übersetzungen und ermöglicht andererseits deren Auffinden in dem umfangreichen Textkörper. Eine Bibliographie der wichtigsten Primär- und Sekundärliteratur faßt den derzeitigen Forschungsstand zusammen.
Die lateinisch-deutsche Ausgabe von Alexander Gottlieb Baumgartens  „Aesthetica"  (1750/58) gehört neben Giovanni Battista Casanovas „Theorie der Malerei" (1765-84) und der von Roland Kanz über Casanova verfaßten Biographie  zum Themenschwerpunkt ‚18. Jahrhundert' der Reihe Phantasos.

Aus dem Inhalt:

I.  Einführung
    1. Die Ästhetik in der Philosophie Baumgartens
    2. Einführung in die Übersetzung und Textgestalt

II. A. G. Baumgarten
    Ästhetik. Lateinischer und deutscher Text

III. Ästhetik-Vorlesungen: deutsche Vorlesungsmitschrift (Poppe)

IV. A. G. Baumgarten (ausgewählte Texte; lateinisch-deutsch):
1. Metaphysik
2. Logik
3. Ethik
4. Philosophia generalis
5. Entwurf der philosophischen Encyclopaedie (Sciagraphia ...)

V. Anhang
1. Erklärung der Abkürzungen
2. Lateinischer Index (Lexikon)
3. Deutscher Index
3. Bibliographie (Auswahl)


2. Schleier der Wahrheit - Zur Kognitivität der Kunst (Arbeitstitel), vorauss. 2011

Seit der Antike wird die Metapher des Schleiers in philosophischen Zusammenhängen vorrangig pejorativ als Verschleierung, d. h. Verdeckung der (nackten) Wahrheit verwendet. Nach dieser Auffassung sind es vor allem Kunst, Poesie und Rhetorik, d. h.  nicht-diskursive Erkenntnisformen, denen die Verunklärung der Wahrheit durch gleichermaßen schöne wie ungenaue Ausdrucksformen zuzuschreiben ist. Erst im 18. Jahrhundert setzt - bezeichnenderweise mit dem Entstehen der Philosophischen Ästhetik und Kunstphilosophie - ein Wandel ein, der in Novalis' Ansatz einen ersten Höhepunkt hat: Die Verschleierung der im wissenschaftlichen Sinne präzisen Wirklichkeits- und Erkenntnisdetails durch die Künste (und den Eros) impliziert auf der anderen Seite die Entschleierung der großen Seinszusammenhänge und damit den Zugang zur eigentlichen Wahrheit. Dieser Grundgedanke setzt sich über seine verschiedenen Ausprägungen im 19. Jahrhundert (bes. bei Schopenhauer, Nietzsche und Richard Wagner) und die Kunsttheorien der Moderne (z.B. Surrealismusmanifeste, „écriture automatique") bis in die gegenwärtige Ästhetiktheorie fort: Die Konzeption der spezifischen Kognitivität künstlerisch „ver- und entschleiernder" Artikulation erfährt in weniger emphatischer Form ihre symboltheoretische Präzisierung in den ‚Symptomen der Kunst' von Nelson Goodman, dem vielleicht bedeutendsten Ästhetiktheoretiker des späten 20. Jahrhunderts. Das Buch will einen Beitrag zur Kognitivitätstheorie der Kunst leisten, indem es die oben angerissenen Zusammenhänge philosophiehistorisch und sprachtheoretisch analysiert und ihre Aktualität herausstellt