Prof. Dr. Rainer Beck

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LEHRE UND FORSCHUNG

Das Fach Kunstgeschichte, gelehrt an einer Kunsthochschule, dient einer anderen Klientel als an der Universität. Es ist Kunstgeschichte für Künstler, also für einen Personenkreis, der selbst einmal Gegenstand kunsthistorischer Betrachtung sein wird, ein Personenkreis, dessen vorrangiges Interesse in der eigenschöpferischen Selbstverwirklichung liegt. In diesem Zusammenhang trägt Kunstgeschichte zur Orientierung und eigenen Standortbestimmung bei.

Naturgemäß liegt bei dem Großteil der Kunststudenten das Hauptinteresse auf der aktuellen Kunst, schon allein deshalb, weil sie selbst im Jetzt schöpferisch tätig sind, nicht selten mit dem Anspruch, gestaltend in unser gesellschaftliches Leben einzugreifen. Aufgabe der Kunstgeschichte ist hier, das bestehende Spektrum der Moderne aufzuzeigen, aber darüber hinaus auch die Wurzeln der zeitgenössischen Kunst deutlich zu machen:
Einerseits den Blickwinkel der Studierenden für die aktuelle Situation der Kunst informativ zu öffnen, andererseits jedoch auch die Verankerung dieser Aktualität in der Geschichte zu beschreiben, einschließlich der unausschöpflichen Bedeutungsfülle, also zeitlos-ungebrochenen Wirkmächtigkeit der großen Meisterwerke der Alten. Dies geschieht in der zusammenfassenden Überschau epochaler Entwicklungen wie auch in der Vertiefung von Einzelaspekten anhand von Vertikalschnitten durch die Kunstgeschichte. Wie die Kunst selbst ist auch die Kunstgeschichte Spiegelbild unterschiedlicher menschlicher Weltsichten und insofern in der Art und Weise, wie sie Kunst betrachtet, selbst Gegenstand geistesgeschichtlicher Entwicklungen. Auf diese Geschichte der Kunstgeschichte wird anhand ausgewählter Autoren und ihrer Methoden von der Antike bis ins 20. Jahrhundert (z. B. Plinius, Pausanias, Lukian, Vasari, Winckelmann, Lessing, Wackenroder, Dehio, Riegl, Wölfflin, Warburg, Wind, Wittkower, Pinder, Panofsky, Sedlmayr, Gehlen) hingewiesen.

Die Vermittlung des Stoffs geschieht durch Vorlesungen, Seminare, Kolloquien, Ateliergespräche und Vortragsreihen. Die Vorlesungen dienen dem Wissenstransfer. Die Seminare, in denen die Studierenden Referate mit anschließender Hausarbeit übernehmen, bieten die Möglichkeit, neue, bisher unbekannte künstlerische Positionen, Themen, kunstwissenschaftliche Methoden und Zusammenhänge des Kunstbetriebs kennenzulernen bzw. zu vertiefen. Sie sind so aufgebaut, dass ein repräsentatives Spektrum zum jeweiligen Thema entsteht und werden soweit möglich, mit einer Exkursion verbunden, die das Arbeiten vor Originalen ermöglicht. Das Kolloquium dient dem gegenseitigen Meinungsaustausch nach gemeinsamer Themenfestlegung. Hier soll in unbürokratischer und freier Form auf aktuelle Fragestellungen und Bedürfnisse der Teilnehmer reagiert werden. Eine vertiefende Auseinandersetzung mit den künstlerischen Arbeiten der Studierenden kann in separat verabredeten Ateliergesprächen stattfinden, in denen auch die entsprechenden kunstgeschichtlichen Zusammenhänge angesprochen werden.

Ein besonderer Schwerpunkt der Lehre liegt auf der Beschäftigung mit dem Menschenbild. Hierzu findet jedes Semester unter dem Titel »Der Mensch. Analysen aus Kunst, Medizin, Natur- und Geisteswissenschaften« eine in Deutschland in dieser Form wohl einzigartige Veranstaltung statt. Diese gemeinsam mit dem Direktor des Anatomischen Instituts der Technischen Universität Dresden organisierte Vortragsreihe stellt eine Art Studium Generale zur Analyse des Menschen dar. Angestrebt wird der Dialog zwischen Kunst, Medizin, Natur- und Geisteswissenschaften unter Heranziehung neuester wissenschaftlicher Erkenntnisse, Untersuchungs- und Darstellungsmethoden. Dazu werden auch Kollegen anderer Institute, Disziplinen und Hochschulen eingeladen. Jedes Semester steht unter einem bestimmten Generalthema, das dann entsprechend interdisziplinär behandelt wird.

Die Auseinandersetzung mit der Kunstgeschichte ist ein wesentlicher Teil der künstlerischen Ausbildung. Sie dient dazu, die eigene künstlerische Haltung in der kritischen Auseinandersetzung mit Positionen der Kunstgeschichte zu formulieren. Künstlerische Strategien, formale Arbeitsweisen und die Umsetzung von Themen in den Werken der Kunstgeschichte geben den Studierenden Orientierungshilfen. Sie können vorbildhaft verstanden werden oder zur Abgrenzung und Herausbildung eigener Strategien. Grundsätzlich sind kunsthistorische Kenntnisse eine der wesentlichen Voraussetzungen des kritischen und reflektierten Umgangs mit der Kunst.

Dazu gehören:

  • die Schärfung eines historischen Bewusstseins als Grundlage der eigenen Standortbestimmung;
  • die Vermittlung der Werte und Qualitäten wissenschaftlichen Arbeitens;
  • die Ausbildung des Blicks für künstlerische Gestaltungsformen;
  • Kenntnisse der kunstgeschichtlichen Zusammenhänge;
  • die Auseinandersetzung sowohl mit historischen als auch aktuellen künstlerischen Positionen;
  • die Beschäftigung mit der Ikonographie und den Themen der Kunstgeschichte inklusive der Gegenwartskunst;
  • die Fähigkeit, kunstwissenschaftliche Methoden anzuwenden und kritisch zu reflektieren;
  • Einblicke in die Zusammenhänge des Kunstsystems.


Daraus folgen als Lehrziele:

  • Erweiterung des eigenen künstlerischen Gesichtsfeldes;
  • Schärfung des individuellen künstlerischen Profils bei gleichzeitiger Vertiefung eigener Interessen und Standpunkte;
  • die Fähigkeit, eigene künstlerische Positionen im historisch-zeitgenössischen Spektrum zu definieren.

Rainer Beck